Hans Peter Thurn

 

Konstrukte im Übergang

 

Gudrun Kemsa widmet sich in ihren Werken einem Problem, das zu den elementarsten Fragen künstlerischen Schaffens führt: dem Verhältnis, der Wechselbeziehung zwischen Linie, Fläche und Raum. Ihr durchgängiges Thema ist die Inkonsistenz jener Körper-Welt, die sich den Menschen zumeist als so festgefügt darbietet und die doch hinter solcher Phänomenologie lediglich ihre Kontingenz verbirgt: was ist, könnte auch ganz anders sein. Jede konkrete Wirklichkeit kann vom abstrahierenden Betrachter als autopoetischer Kommentar in ihr verborgener, anderer Möglichkeiten gelesen werden. Sie enthält Verweise auf einen schier unendlichen Variationsreichtum, die sich demjenigen zu erkennen geben, der die Welt nicht einsinnig-dinghaft ansieht, sondern sie semantisch, inder Mannigfaltigkeit ihrer Beduetungsverweise zu durchschauen trachtet.

 

Diesen Weg von der Oberfläche in den Tiefenraum der Körper-Welt ist die Künstlerin in ihren Arbeiten gegangen, ihn verfolgt sie noch. In ihren Zeichnungen verdeutlicht sie konturierend und paraphrasierend, wie Linien eine Sicht auf Fläche und Raum, auf Verder- und Hintergründe anbieten, die sich als solche, in ihren Eigenqualitäten, gar nicht bezeugen. Der Stuhl, die Landschaft, die Menschengestalt: sie werden durch Strichsetzungen inkorporiert und zugleich offengehalten, erscheinen als Gebilde ohne Masse und Schwere, als Konstrukte im Übergang. An ihnen schon tritt jenes skulpturale Moment hervor, das die Künstlerin mehr und mehr in seinen Bann zog und sie folgerichtig von der zweidimensionalen Zeichnung in die Dreidimensionalität plastischen Arbeitens führte.

 

Mit diesem Wechsel tut Gudrun Kemsa zugleich den Schritt von der ästhetischen Analyse in die künstlerische Synthese. Was zuvor zeichnerisch durchforscht und zergliedert wurde, wird nun plastisch zusammengefügt und zu Objekten selbstwertiger Prägnanz verdichtet. Diese neuen Gebilde sind im eigentlichen Sinne semantische Transfigurationen, Übersetzungen konkreter Gegenstandserfahrungen in abstrahierende Bedeutungsträger. In deren gewandelter Formensprache leben gleichwohl vormalige Erkenntnisse und Ausdrucksmittel fort: die Körperlinie in Blechschnitten und Holzstäben, die indirekte Fläche in Umrahmungen und Aussparungen, der Tiefenraum in Farbfeldern und plastischen Einführungen. Aus der Kombination dieser Gestaltungselemente erwachsen der Künstlerin skulpturale Strukturen, die der transitorischen Beschaffenheit des Lebens in Körpern und Räumen Anschaulichkeit verleihen.

 

Lit. "Gudrun Kemsa: Zeichnungen und Objekte", Düsseldorf 1986