Andreas Zeising

 

Gudrun Kemsa

 

Man könnte auf den ersten Blick geneigt sein, Gudrun Kemsas Werk der Gattung ›Architekturfotografie‹ zuzurechnen, bestimmt sich doch die Motivik ihrer Bilder wesentlich durch architektonische Räume. Von dieser Seite betrachtet gleicht ihre Arbeit einer Wanderung durch die Kulturen. Sie fotografiert Altertümer und christliche Sakralbauten ebenso wie die urbane Lebenswelt unserer Tage. Die motivische Spannweite verdankt sich nicht zuletzt einer Reihe von Auslandsstipendien nach Italien und Israel, in die Türkei und die USA. Das Studium an der Düsseldorfer Akademie (1980-1990) absolvierte sie bei Karl Bobek und David Rabinowitch, doch begann sie erst danach, das Medium Fotografie intensiv zu nutzen.

 

Befragt man die Künstlerin nach Vorbildern, so antwortet sie spontan »Architekten« und verweist auf das Schlüsselerlebnis der Begegnung mit der Architektur Palladios (1508-1580) und das Raumerlebnis byzantinischer Bauten. (1) Gerade deshalb jedoch taugt die eingangs erwähnte gängige Kategorie ›Architekturfotografie‹ wenig zur Charakterisierung ihrer Arbeit. Denn wenn Gudrun Kemsa Gebautes fotografiert, so handelt es sich nicht um die Dokumentation dauerhafter architektonischer Zu-stände. Es geht vielmehr um gleichermaßen subjektive wie transitorische Momente, nämlich die Wahrnehmung von Licht, Raum und Zeit. »Die Fotografie ist für mich ein Medium des Sehens«, er-klärt sie, und: »Die energetische Kraft des Lichts wird in meinen Fotografien direkt erlebbar und selbst zum zentralen Motiv«. (2)

 

1996/97, während ihrer Zeit als Stipendiatin der Villa Massimo in Rom, entstanden Aufnahmen von Kuppelrundungen antiker und christlicher Monumente, der Diokletiansthermen oder der Kolon-naden von St. Peter. Es sind fotografische Reminiszenzen an das klassische Italien, die indessen nicht auf Wiedererkennung angelegt sind, sondern vielmehr zeigen, wie im widerstreitenden Spiel von Schatten und Licht, das durch Fenster und Öffnungen einfällt, die Rhythmik von Räumen konstituiert wird, wie Volumina erschaffen oder Flächen strukturiert werden. Es sind Studien über die Wege des Lichts vom ›Außen zum Innen zum Außen‹. (3) Durch die zusätzliche Verwendung farbiger Filter und durch Farbumformungen erhält der vermeintlich bekannte Anblick historischer Orte Züge surrealer Verfremdung. Ein Pendant finden diese Aufnahmen in den zeitgleich entstandenen Ausschnittaufnahmen von Spiegelfassaden moderner Geschäftshäuser, deren geometrische Ordnung die Künstlerin in abstrakte, wie computergeneriert wirkende Farbfelder verwandelt. Das Motiv der Bewegung ist für Gudrun Kemsas Fotografie von zentraler Bedeutung. Markant tritt es in ihren Innenaufnahmen von Kuppelräumen zutage, einem durchgängigen Motiv in ihrem Werk. Angeschnittene und untersichtige Blickwinkel bewirken, daß sich die Trennschärfe zwischen Räumlichem und Flächigem, Innen- und Außenraum, konvex und konkav relativiert. Der Betrachterstandpunkt wird plötzlich undefinierbar, und der Blick ins Kuppelinnere scheint in Bewegung zu geraten. Gudrun Kemsa forciert den Bewegungseindruck durch den Einsatz spezieller fotografischer Techniken. So arbeitet sie häufig mit einer Panoramakamera, die verschiedene Betrachterstandpunkte simultan einfängt. In dem polyfokalen Blickfeld versucht das Auge des Betrachters Halt zu finden.

 

In ihren seit 1999 entstandenen Arbeiten hat Gudrun Kemsa das Motiv der Bewegung in neuer Weise ins Bild gebracht. Während sie in der Videoarbeit merry-go-round (2001) ein nächtliches Kirmeskarussell mittels Überblendungen in eine scheinbar unendliche Fahrt versetzt, verfährt sie in ihren Fotoarbeiten in umgekehrter Weise, indem sie längere Belichtungszeiten wählt und die Kamera selbst im Moment der Aufnahme bewegt. Die so entstandenen panoramaartigen Bilder vermitteln den Eindruck von Bewegung und extremer Beschleunigung. Die Bernini-Kolonnaden etwa, die in der römischen Serie von 1995/96 eine fast gespenstische Ruhe und Monumentalität ausstrahlen, schwingen sich nun wie ein entfesselter Puttoreigen in den Himmel. Den nächtlichen Potsdamer Platz in Berlin, jenes städtebauliche Sinnbild für Transitorik, Wandel und Dynamik einer deutschen Großstadt, verwandeln Gudrun Kemsas Bilder in immaterielle Lichtschleusen und wirbelnde Hochhausschluchten, und das Innere der Reichstagskuppel erscheint einmal als futuristisches Ufo in gleißendem Licht, dann als chromglänzende Turbine, die den Betrachterblick in ihren Sog zieht. Verlieh in den Arbeiten der 90er Jahre das Interesse an der Form den Aufnahmen etwas Statisches, so sind die neuen Fotografien geradezu heiter und der Zeitempfindung des Hier und Jetzt verpflichtet.

 

(1) Persönliche Mitteilung Gudrun Kemsas in Düsseldorf, 25. März 2002
(2) Vgl. die Selbstdarstellung unter http:// www.kemsa.de
(3) Ulrich Krempel: »Außen zum Innen zum Außen«, in: Architektur Fotografie, Ausst.Kat. Kulturforum Alte Post, Neuss 1994

 

Lit.: "heute bis jetzt - zeitgenössische Fotografie aus Düsseldorf", Katalog zur Ausstellung im museum kunst palast vom 25.5. bis 25.8.2002,
ISBN 3-9808208-3-1