Hans-Joachim Schalles
Die Fotografie hat im Ausstellungsprogramm des Regionalmuseums Xanten traditionell einen festen Platz. Daß im Regionalmuseum immer wieder auch Fotografie präsentiert wird, ist in der Geschichte des Hauses, mehr noch in der Person von Klaus Honnef, dem Ausstellungsleiter des Rheinischen Landesmuseums Bonn begründet: Besonders in der Zeit, in der das Regionalmuseum noch als Filiale des Landesmuseums firmierte, trugen die entsprechenden Ausstellungsprojekte seinen Stempel; Namen wie Candida Höfer, Hartmut Mirbach, Hans-Martin Küsters, Wilhelm Schürmann oder Axel Hütte belegen dies. Mit den Fotoarbeiten von Gudrun Kemsa wird dieser Faden weitergesponnen.
Wenn wir von der Unbestechlichkeit des Kameraarges sprechen, so steht hinter dieser Feststellung unsere Auffassung von der leidenschaftslosen Funktionsweise der technischen Apparatur und unser unerschütterlicher Glaube an eine Art ganzheitlicher Übereinstimmung von abgebildeter Situation einerseits und der dahinter stehenden physischen Realität andererseits. Sprachlich spiegelt sich beides im Begriff "objektiv" wieder; der den zentralen Bestandteil der Kameraoptik ebenso bezeichnet wie einen Zustand der Unparteilichkeit und Sachlichkeit. Diese Auffassung von der Fotografie wird unserer bildungshungrigen Informationsgesellschaft täglich scheinbar tausendfach bestätigt: die Kamera kann einen Wimpernschlag erfassen, wie gerade ihre Einbettung in die Bildberichterstattung erweist. Und dennoch: Wie jedes andere bildliche Medium hat sich auch das Foto nicht vollständig von seinen außerbildlichen, in uns und unseren Seegewohnheiten begründeten der Determinanten lösen können; umgekehrt ist seine Rezeption an diese Sehgewohnheiten geknüpft und von ihnen bestimmt.
Gudrun Kemsas, Interesse gilt der Architekturfotografie. Architektur hat ein zweidimensionalen, geometrischen Formenapparat zum Ausgangspunkt - das Quadrat, das Rechteck, den Kreisbogen. Fassaden werden aus der Aneinanderreihung dieser Formen entwickelt, Räumlichkeit - Quader und Kuppeln - entsteht durch deren Durchdringung. Daß diese Räumlichkeit insofern Blendwerk ist, als sie vom sichtbaren ab- und stattdessen zum Mutmaßungen über das Dahinterliegende, Nicht-Sichtbare verführt, belegen zahlreiche Arbeiten Gudrun Kemsas in eindrucksvoller Weise. Ihre Architekturansichten scheinen den Betrachter vielfach auf das elementare Seherlebnis der reinen. geometrischen Form zurückführen zu wollen Komma, bei der der jeweilige Bildausschnitt das dreidimensionale Bauwerk auf dessen Grundelemente reduziert, Quadrate zu Parallelogrammen, Kreise zu Ellipsen werden läßt. Die Ansichten auf Fassaden, die Einblicke in Kuppeln und die Ausblicke durch Fensteröffnungen werden in die Fläche gebracht und verwandeln sich in rätselhafte, grafische Formen. Selbst Spiegelungen in Glasfassaden werden zur Geometrie, Gegenlicht löscht Binnenkonturen aus und stanzt einen weißen Fleck ins Bildmotiv, statt Perspektive zu schaffen Punkt. Das unseren Sehgewohnheiten verhaftete Auge vermag sich mit dieser Wirkung nicht abzufinden und sucht nach Tiefenräumlichkeit, nach dreidimensionaler Verortung. Diese Suche führt vielfach zu weiterer Irritation: aus der Höhlung einer Kuppel wird ein konvexes Gebilde, schwarz und scherenschnittartig steht ein verschattetes Tympanon vor strahlend hellem Bildhintergrund - so als käme das Licht aus dem Bild selbst. Gudrun Kemsa führt uns eindringlich vor Augen, was wir sehen könnten, wären wir einfach imstande, uns auf die Vielfalt der Erscheinungsformen einzulassen anstatt - nach flüchtigem Blick und aus dem Zwang zur Selbstvergewisserung - einen schnellen Abgleich mit Bekanntem anzustellen.
Lit: Gudrun Kemsa, Fotoarbeiten, Landschaftsverband Rheinland, Regionalmuseum Xanten (Ausstellung 25.6.- 6.8.1995, Rheinland-Verlag, Köln, 1995